Videobeobachtungen : Theorie verkörpern

Videobeobachtungen : Theorie verkörpern

geliebtes ding
2010, 7 min, mp4

Video:
Auf einer verglasten Litfaßsäule auf gegenüberliegenden Seiten die Gesichter von zwei Fotomodellen, männlich und weiblich, mit sorgfältig geschminkten Schweißtropfen. Eine Kampagne für Ehrenamt wird beworben mit dem Slogan „Dein Schweiß für Berlin“. In den Reflektionen auf der Oberfläche, auf dem Glas zeigt sich die Kreuzberger Umgebung: Autos, orangener Müllwagen, Frau mit hellblauem Kopftuch, gelbe Hochbahn, Frauen mit Kinderwägen und vielen Kleinkindern. In langsamen Überblendungen gehen die beiden Gesichter, die sich real nie treffen würden – hinter Glas, in gegenüberliegende Richtungen blickend – ineinander über.

Audio:
“Der Fetischcharakter der Waren und ihr Geheimnis“ von Karl Marx, erschienen in Das Kapital 1867,
gelesen während Masturbation.

Screening in Gruppenausstellung “Das Ding”
G.A.S.-Station, Berlin, Oktober 2010 bis Februar 2011

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ohne Eigenschaften
2010/11

Bild:
Ein Karrussell kommt zum Stillstand während in zunehmender Geschwindigkeit Menschenmassen in und aus der U-Bahn Station Les Halles in Paris strömen.

Ton:
Zitate aus „Der Mann ohne Eigenschaften“, Buch 1 und 2 von Robert Musil, erschienen 1930/1932. Nachts unter der Bettdecke gelesen und vermischt mit Geräuschen und Klangfarben eines Spaziergangs.

„Ulrich fühlte sich an diesen fast stündlich wachsenden Leib von Tatsachen und Entdeckungen erinnert, aus dem der Geist heute herausblicken muss, will er irgendeine Frage genau betrachten. Unzählige Auffassungen, Meinungen, ordnende Gedanken aller Zonen und Zeiten, aller Formen gesunder und kranker, wacher und träumender Hirne durchziehen ihn zwar wie tausende kleiner, empfindlicher Nervenstränge, aber der Strahlpunkt, wo sie sich vereinen, fehlt…. “

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occupy žižek
2011/12, 2min35, mp4

Audioschnitt einer Rede, die Slavoj Žižek verstärkt durch ein „human mic“ während Occupy Wall Street am 9. Oktober 2011 hielt.

Welche Form der Führung brauchen wir heute? Im Schnitt übernimmt das „human mic“ Žižeks Worte und emanzipiert sich vom nachsprechenden Verstärken zum antizipierenden Mitsprechen. Dazu Geisterbilder vorbeirauschender Autos.

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weeding sontag
2012/13, 3 min 25, hd

Gesellschaftsreflektion mit Susan Sontags „Über Fotografie“:

Warum lieben „insbesondere Menschen, die durch eine erbarmungslose Arbeitsmoral behindert sind (Amerikaner, Japaner, Deutsche…)“ das Fotografieren so sehr?

Warum ist es so ermächtigend, ein Bild festzuhalten?

Schafe starren zurück während ich sie mit meiner Kamera anstarre. Eine Schnecke kriecht im Zeitraffer durchs Bild. Ich tanze mit Unkraut.

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after the other
2017/18, 6min55, HD

Audio: Zitate aus Michel Foucault, „Of other Spaces: Utopias and Heterotopias“
(aus „Architécture/Mouvement/Continuité“, Oct. 1984).

Video: Einem Stein zuhören vor dem Hintergrund eines verlassenen Betonmischwerks

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windig
2017, 14min24, ZweiKanal, HD

Von Mitte Juni bis Anfang Juli 2017 lebte und arbeitete ich in der Akademie für Suffizienz in einem alten Landhaus in der Prignitz in Brandenburg. Hier habe ich meine Arbeit an Videobeobachtungen von sozialen Interaktionen bei Mensch und Tier fortgesetzt und vertieft. Ich kommentiere darin Alltagsszenen mit vorgelesenen Zitaten aus einschlägiger Literatur und Theorie und thematisiere so Grenzen und Übergänge zwischen Arbeit und Freizeit, Kunst und Leben, Wahrnehmung und Interpretation, Originalität und Zitat.

In der dort entstandenen 2-Kanal-Videoarbeit “windig” beobachte ich das Leben und die Stille in der “Akademie” und zitiere dazu Walter Benjamin (aus “Allegorien kultureller Erfahrung. Ausgewählte Schriften 1920-1940”), Käthe Kollwitz (“Bekenntnisse” aus ihren Tagebuchaufzeichnungen) und Herbert W. Franke (“Phänomen Kunst. Die kybernetischen Grundlagen der Ästhetik”) sowie bekannte Ohrwürmer („Von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“ und „Seeräuber Jenny“, beide aus der Dreigroschenoper von Bert Brecht und Kurt Weill, und „Live and Let Die“ von Paul McCartney & Wings).

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butler pop
2009, 21 min, mini dv

Vier Menschen, die in Berlin im Gesundheitssektor und anderen dienstleistenden Tätigkeiten arbeiten, assoziieren frei über die Rolle, die Arbeit in ihrem Leben spielt. Währenddessen malt eine Hand den Himmel und folgt den Wolkenbewegungen. Im Hintergrund die Geräusche einer Baustelle.

Dazwischen verschiedene Arbeitsszenen, gefilmt in Rio de Janeiro in Brasilien, kommentiert mit Zitaten aus “Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung” von Judith Butler.

Bild: Videoinstallation in einer vorgefundenen Situation
ProjektZentrale KurtKurt in Berlin, Dezember 2009
in der Ausstellung “Pumaherz. Vollzeit, unbefristet” von Elke Scheler